18. Spaziergang im Unbefleckten Garten Mariens – Die Schlichtheit

1. Erkundung des Unbefleckten Gartens

Überall, wo Gottes Hand sichtbar ist, schließen zwei scheinbar unvereinbare Merkmale eine Ehe: Himmlische Pracht und Schlichtheit. Gott erschafft alles vollkommen, nur die verunreinigenden Einflüsse der Finsternis bringen Störungen und Misstöne. Daher ist alles, was aus Gottes Hand strömt, herrlich und voll Verzückungen, aber auch einfach. Es ist der Finsternis eigen, die Unvollkommenheit ihrer „Anpassungen“ an die Schöpfung künstlich mit Beiwerk zu verschönern (oder zu tarnen), das zu nichts anderem dient, als oberflächlich gestimmte Seelen in die Irre zu führen, zu verblenden, zum Niedrigeren zu ziehen und dabei dem Göttlichen den Rücken zu kehren.

In dem Unbefleckten Garten erinnern die Veilchen an die Schlichtheit: Sie sind mit einer anziehenden Schönheit gesegnet, aber drängen diese niemandem auf, denn sie sind klein und verbreiten keinen nennenswerten Duft. Dies ist die eigenartige Kombination von Merkmalen in einem Wesen, das die wahre heilige Schlichtheit besitzt: Demut, innere Ruhe, unkomplizierte Schönheit und Wirksamkeit in der Erfüllung des Lebensauftrags. So wie das Veilchen immer von der warmen Jahreszeit zeugt, so zeugt der Unbefleckte Garten in all Ihrem Tun und Lassen von Ihrer wahren Berufung und tut dies so unauffällig wie möglich.

Maria ist das große Vorbild für Gottes Neigung, das wahrlich Große und Heilige für weltliche Augen zu verbergen: Nur wenige werden ganz und gar begreifen und durchschauen, wer Sie wirklich ist. Maria Selbst ist davon ein Vorbild, wie die wahre Heiligkeit sich selbst für die Welt unauffällig macht. Sie weiß, dass die wahre Schönheit im Innern gesucht und gefunden werden muss, und Sie wendet dieses Wissen in Ihren konkreten Lebensumständen an: Ihre eigene äußere Erscheinung, Ihr Haus, usw. sind frei von Ausschmückung, ohne die geringste Auffälligkeit. Sie sucht auch das Besondere, den Kern des wahren Lebens, nicht in sinnlichen Eindrücken, sondern im inneren Empfinden, also in der Lebenssphäre, die für Ihre Umgebung verborgen bleibt und sich nur zwischen Ihrer Seele und Gott abspielt.

Sie vermittelt die Botschaft des unkomplizierten Glücks anderen Seelen auch durch Ihr Haus. Das Haus der Familie von Nazareth ist klein. Mir sind einige Visionen davon geschenkt worden, und was ich dabei sehe, ist ein ganz einfaches Haus, das den Besucher beim Betreten unmittelbar in den Wohn- und Essraum bringt. Das Mobiliar ist ganz spärlich und sehr einfach und praktisch. Wenn der Besucher geradeaus gehen würde, käme er durch eine Türöffnung in die Küche. Diagonal hinter der Küche liegt noch eine alte Werkstatt, in der Josef seine Werkstücke anfertigt. Die Werkstatt ist vielleicht ebenso groß wie die beiden anderen Räume zusammen. Die ganze Räumlichkeit ist sehr begrenzt und muss somit optimal benutzt werden.

Daher erstaunt es nicht, wenn ich sowohl in dem Wohnraum als auch in der Küche auch ein paar alte, sehr einfache Werkzeuge bemerke, die Maria für das Handwerk benutzt, das Sie manchmal ausübt (das Herstellen und Flicken von Kleidern). Ungewöhnlich ist ebenfalls, dass jeder der drei Räume jeweils ein Eckchen beinhaltet, das abends ganz praktisch zum Schlafplatz umgebaut wird. Für den Heiligen Josef ist dies an einer Seitenwand seiner Werkstatt, für Maria an der rechten Wand der Küche und für Jesus an der rechten Wand des Wohnraumes. Der Platz, wo Jesus schläft (hauptsächlich während Seines verborgenen Lebens) ist eigentlich eine Art länglicher „Aufbewahrkasten“, der sichtbar ist, wenn man beim Betreten des Wohnraumes durch die Außentür hindurch nach rechts schaut. Tagsüber scheint dieser Kasten eine Art Holzkiste zu sein, aus der ich Maria bestimmte Haushaltsutensilien herausnehmen sehe (unter anderem leichte Decken). Abends werden über diesen „Aufbewahrkasten“ leichte Decken ausgebreitet, und ich sehe Jesus Sich darauf hinlegen.

Das Haus als Ganzes erscheint zugleich irgendwie ärmlich jedoch ordentlich, und es herrscht dort eine außergewöhnlich ergreifende Atmosphäre. Maria weiß die ganze Einrichtung des Häuschens aufzuheitern, indem Sie neben den Ausgang zum Garten hin einen einfachen Tonkrug mit einigen mit herrlichen Blüten beladenen Zweigen eines der Obstbäume aus dem Garten stellt. Sie weiß, dass alles Beiwerk, das über das Lebensnotwendige hinausgeht, die Seele vom Kern desjenigen wegführt, was wirklich von Gewicht ist. Dieses Häuschen ist in jeder Hinsicht ein Vorbild für „gewollte Armut“: Die Bewohner lieben die Kargheit sehr, die sie vollkommen mit ihrer eigenen Ausstrahlung von innen heraus auffüllen. Dieses eher armselige Haus nimmt den Besucher in eine Atmosphäre von Licht, Wärme, Freude und Freiheit auf. Jeder Besucher hat es schwer, dort Abschied zu nehmen, denn durch die spürbare Liebe in diesem Häuschen hat jede Seele dort das Gefühl, in einem kleinen Himmel zu sein.

Die Heilige Familie gibt den Eindruck dreier Seelen, welche den absoluten Höhepunkt der inneren Freiheit in den tiefsten Tiefen Ihrer Seele und Ihres Herzens erleben. Dieses Haus besitzt denn auch kein einziges Element, das an Anhänglichkeiten denken lassen könnte: Alles ist so schlicht, dass es einzig und allein praktisch ist. Es dient nur dazu, das Leben in einem stofflichen Körper möglich zu machen.

Die Schlichtheit geht ebenfalls aus der Weise hervor, auf welche die Heilige Familie für ihren Lebensunterhalt sorgt. Während des Lebens von Josef lebt diese Himmlische Familie von den Einkünften der Arbeiten, die Josef als Zimmermann, Schreiner und Dachdecker verrichtet. Oft wird er unterbezahlt oder sogar überhaupt nicht bezahlt, sodass Maria freiwillig hilft, indem Sie Arbeiten zur Wiederherstellung von Kleidung verrichtet. Jesus hilft dann und wann in der Werkstatt Seines Nährvaters.

Der Garten beim Häuschen hat eine Anzahl Fruchtbäume (Feigenbäume, Olivenbäume, Reben, Granatäpfel und andere). Maria gibt regelmäßig Früchte an andere Frauen, die Ihr im Tausch dafür allerlei andere Dinge geben: Textilstoffe, Eier, Mehl, Milch… Marias Schlichtheit im Lebensstil ist nichts anderes als der Ausdruck Ihrer Liebe für die Schlichtheit des Herzens. Sie hat die Gewohnheit, die Verfügungen von Gottes Vorsehung in Ihrem Leben ohne weiteres sofort anzunehmen, ohne Sich Fragen zu stellen. Sie nimmt alles als Äußerungen von der Göttlichen Weisheit an und findet es also total unpassend, Gottes Zeit zu vergeuden, indem Sie darüber nachzudenken beginnt. Aus diesem Grund stimmt Sie so schnell in jede weniger angenehme Entscheidung ein.

Dies ist zum Beispiel der Fall, als Jesus Sein Öffentliches Leben beginnt und als Er Ihr ankündigt, dass die Zeit Seiner Passion gekommen ist. Auch in die Flucht nach Ägypten, kurze Zeit nach der Geburt Jesu, hat Sie sofort eingestimmt, weil Sie wusste, dass Gott nur das Beste mit Ihr vorhat und viele Opfer für das Glück vieler benötigt. Eine ähnliche Reaktion zeigte Sie ebenfalls, als Ihr als Tempeljungfrau angekündigt wurde, dass Sie das heiratsfähige Alter erreicht hat und also den Tempel verlassen muss und gegen Ihre Lebensauffassung in den Stand der Ehe treten muss. Es ist die Schlichtheit des Herzens, die deutlich macht, wie total Maria Gott geweiht ist, wodurch Sie Ihren eigenen Willen in den Dienst von Gottes Plänen stellt. Sie sieht es nicht als Ihre Aufgabe, Gottes Verfügungen zu erörtern. Sie betrachtet als Ihre Aufgabe: die sofortige und möglichst vollkommene Ausführung davon.

Maria hat Ihr ganzes Leben lang ein kindhaftes Herz bewahrt. Sie konnte in die Betrachtung einfacher, scheinbar alltäglicher Dinge total aufgenommen werden, wie ein Blümchen auf einer Weide, ein Vögelchen, das sich auf den Rand des Brunnens niederlässt, der Esel, der während der Flucht nach Ägypten, ohne selbst nur einen Augenblick anzuhalten, ein paar Grashalme zwischen zwei Felssteinen wegpflückt und darauf kauend weiterläuft. Ich sehe, wie Sie Sich als kleines Mädchen im Garten Ihrer Eltern auf die Zehen stellt, mit Ihren Händchen eine Blüte umschließt (die irgendwie an Magnolien denken lässt), daran riecht, Ihre Augen schließt und eine ganze Weile lang in einer anderen Welt zu sein scheint.

Die kleine Maria ist auch außergewöhnlich schnell zufrieden. Die geringste Kleinigkeit gebraucht Sie als Spielzeug, aber die Schlichtheit Ihres Herzchens hält Sie nicht davon ab, beim Nahen von Vater Joachim mit seinen Schafen plötzlich Ihr Spiel zu unterbrechen, um ihm eine überraschende Frage über ein Schriftwort aus einem der Propheten zu stellen. Ich bin Zeuge davon, wie Sie eines Tages Vater Joachim endlos über das Kommen des Messias in Israel ausfragt. Sie will unter anderem wissen, ob Er auch nach Galiläa kommen wird, da Er doch in Judäa geboren werden soll…

Es ist bezaubernd, festzustellen, wie sehr sich das Stimmchen dieses kleinen Mädchens ändert, wenn Sie das Wort „Messias“ ausspricht: eine vollkommene Mischung von unbeschreiblicher Gottesfurcht, kindhafter Unschuld und einer Inbrunst wie aus einem mächtig verliebten Mädchenherzen, mit Kinderaugen, die wie in einem Rausch von Verzückung funkeln. All das Weltliche versinkt einfach in das Nichts, wenn Sie mit spirituellen Dingen beschäftigt ist. Maria hat Ihr Herz buchstäblich von allem leer gemacht außer von den Dingen der Seele.

Die Schlichtheit wird in Ihr erhalten bleiben, auch in Ihren „reiferen“ Jahren. Ich sehe in Maria nie den gesättigten, ausgelöschten Blick, der oft Menschen reiferen Alters kennzeichnet. Ihre Augen und Ihr Gesicht bewahren ein Leben lang weiterhin die Glut der kindhaften Begeisterung und das Staunen über die einfachsten Werke Gottes.

Ihr ganzes Leben lang wird Maria versuchen, das Leben so unkompliziert wie möglich zu machen: Sie legt Sich Selbst und Ihren Mitmenschen keine einzige feste Regel auf, denn Sie weiß, wie sehr feste Regeln von Satan missbraucht werden, um Seelen angespannt zu machen. Sie lebt nach einer einzigen Regel: Gottes Gesetz der Liebe und die daraus für Ihr Leben hervorgehenden Verfügungen von Gottes Vorsehung. Maria hält sich fest an Ihre Prioritäten, in allem, was Sie tut. Dies bedeutet auch, dass Sie Sich durch nichts ablenken lässt und nicht wegen etwas, das Sie plötzlich unerwartet tun muss, noch wegen bestimmter Wünsche, die Seelen Ihr unterbreiten, von Ihrer Regel abweicht.

Sie beurteilt jede Einzelheit, jedes Geschehnis, jede Situation auf Ihrem Lebensweg aus Ihrem Empfinden von Gottes Verlangen in diesem betreffenden Augenblick, und davon abhängig bestimmt Sie Ihr Tun und Lassen und die Reihenfolge davon. Sie kommt nie in Verwirrung durch die Menge von Eindrücken, die manchmal auf Sie zukommen, weil Sie diese sofort nach Ihrer einen Lebensregel beurteilt: „Ich bin berufen, Gottes Plänen und Werken zu dienen; in welchem Maße dient dies diesen Plänen und Werken, also in welchem Maße ist es erwünscht oder nicht, dass Ich dies oder jenes tue oder eben nicht.  Was kann die Folge Meiner Entscheidung für die Seelen sein, die durch Meine Handlungen beeinflusst werden können?“

In diesem Erwägungs- und Entscheidungsprozess lässt Maria Sich nicht durch weltliche Eindrücke und Einflüsse ablenken, Sie folgt nur dem einen wahren Gesetz der Liebe, und was Sie zu einem bestimmten Augenblick nicht vollkommen ausführen kann, legt Sie bereits in kurzen, aber inbrünstigen Stoßgebeten Gott vor. So gelangt Sie zu einem Leben vollkommener Schlichtheit: keine Auffälligkeiten in Ihrem äußeren Leben (Aussehen, Haus, Kleidung, usw.) noch irgendwelche Turbulenzen in Ihrem inneren Leben (vollkommene Schlichtheit des Herzens).

Im Unbefleckten Garten wird die Seele keinen Augenblick gestört, denn Gottes Gegenwart ist dort maximal spürbar und Seine Werke haben dort ihre absolute Vollkommenheit erreicht. Gerade darin wird die Macht Gottes und Seiner Stellvertreterin Maria bis zum Äußersten verherrlicht: Sie braucht keine künstlichen Blickfänger, um Ihre Größe zur Schau zu stellen und das Erstaunen der Zuschauer zu wecken. Alles, was hier geschieht, und alles, was ist, ist vollkommen in seiner Schlichtheit; denn der Effekt von allem ist maximal, während dennoch nichts mehr von allen Dingen übrig behalten wird als der absolut notwendige Kern, das tiefste Wesen davon: kein Beiwerk, nur das Notwendigste, auch im Denken und Fühlen.

Maria kann niemals die Gefangene der Fallstricke Tausender Einflüsse und Eindrücke werden, denn Sie behält von allem nur eines  in Ihrem Herzen und Geist übrig: die Liebe. All das Übrige wird durch unaufhörliche Weihe abgeschüttelt. Maria gleicht einer lebenden Kläranlage, die alles, was aus dem Leben auf Sie zukommt, in Sich aufnimmt, zermahlt, das Unbrauchbare Gott gibt für einen neuen Gebrauch in einer anderen Form und das Brauchbare durch Ihre Ausstrahlung von Heiligkeit sofort unendlich verstärkt. Dies alles vollzieht sich in ganz kurzer Zeit, ohne durch Grübeln und Erörtern der unterschiedlichsten Dingen, Zeit zu verlieren. Sie nimmt auf, verarbeitet und gibt an Gott weiter, in einer geradlinigen Bewegung. Diese Kläranlage ist die Schlichtheit und die Wirksamkeit selbst. Durch diese beiden Eigenschaften hat Sie mehr mit dem Göttlichen als mit der Menschenseele gemeinsam.

So ist es gewissermaßen auch mit dem Veilchen: Es ist anspruchslos, aber sehr fruchtbar.

 

 

2. Befruchtung der Seele im Unbefleckten Garten

Ich lasse mich durch die endlosen Schönheiten im Unbefleckten Garten von Maria, die eine Ruhe gebende Schlichtheit ausstrahlt, in Verzückung bringen. Ich biete Ihr mein Herz an, damit ich bereit bin, total in Ihr aufgenommen zu werden. Ich verlange so sehr, dass die Herrlichkeiten des Lustgartens der Allerheiligsten Dreifaltigkeit in mich überfließen können.

„O Maria, Unbefleckte Königin von Zeit und Ewigkeit, wie sehr wünsche ich, in Deinem Garten mit der Saat des Göttlichen Lebens befruchtet zu werden.

Darf ich aus den Quellen Deiner unübertroffenen Heiligkeit trinken?

Darf ich von den Früchten Deiner Tugenden essen?

Darf ich mich mit dem Tau des Heiligen Geistes reinigen?

Darf ich an den Verzückungen Deiner Schönheit von Herz und Seele Anteil haben?

Darf ich den Schutz Deiner Macht über alle Versuchung und Sünde genießen?

Darf ich in Dir in der Brise der Ewigen Wahrheit aufgerichtet werden?

Geruhe, mich von der Schwäche meiner verletzten Seele zu heilen.

O Unbefleckter Garten aus Gottes Hand, geruhe, mir die vollkommene Einheit mit Dir zu erwirken, damit ich in Deiner Nachfolge zum Bild und Gleichnis Gottes werden möge.“

O Spiegel von Gottes Licht, während des Aufenthaltes in Deinem Unbefleckten Garten darf ich die Blumen und Früchte schauen, die der arme Garten meiner Seele braucht, um gesund und fruchtbar zu werden und zu bleiben. Ich bitte Dich, Deine Saat des Göttlichen Lebens mit Dir teilen zu dürfen:

1. Herrin meiner Seele, Dein Leben hat nur eine Richtlinie und treibende Kraft: Gottes Gesetz, das in das Herz eingraviert wird. Ich bitte Dich, gieße in mich die Liebe für die innere Schönheit von allem, damit meine Seele nicht durch Äußerlichkeiten irregeführt werden möge.

2. Herrin meiner Seele, in Dir ist das Kinderherz niemals gestorben. Ich bitte Dich, stelle in mir die Unschuld der Kinderseele wieder her, damit die Schlichtheit meines Herzens Gott verherrlichen möge.

3. Herrin meiner Seele, Du hast auf alles verzichtet, was nicht notwendig ist, um zu leben. Ich bitte Dich, wecke in mir die Liebe für ein Leben in Schlichtheit, damit ich meine Seele nicht mit unnötigen Dingen und Eindrücken belaste und meine Aufmerksamkeit auf das Wenige richten kann, das wirklich von Wichtigkeit ist.

4. Herrin meiner Seele, Du vergeudetest keine Zeit mit nutzlosen Fragen und Grübelei. Ich bitte Dich, schenke mir das Vermögen, alles in meinem Leben anzunehmen, ohne mir darüber Fragen zu stellen oder nach Gründen dafür zu suchen. Lehre mich, alles als von Gott für mein eigenes Seelenheil verfügt anzunehmen.

5. Herrin meiner Seele, in Dir ist das Staunen über Gottes Werke lebendig geblieben. Ich bitte Dich, bewahre in mir ein Auge für die Schönheit der bekannten Dinge um mich herum, in dem Bewusstsein, dass sie Wunder der Liebe Gottes sind.

6. Herrin meiner Seele, Dein wahres Leben vollzog sich nur in dem Zusammensein mit Gott in den Tiefen Deiner Seele. Ich bitte Dich, geruhe, meine Seele vor allem Verderb durch die zahllosen erregenden und aufheizenden Eindrücke aus der heutigen Welt zu bewahren.

7. Herrin meiner Seele, Dein Lebensweg wurde nur durch das eine wahre Bedürfnis der Seele gekennzeichnet: das Leben in Einheit mit Gott. Ich bitte Dich, erlaube nicht, dass die angeborene Schlichtheit meines Herzens jemals dem Nachjagen zahlloser Scheinbedürfnisse der Welt preisgegeben wird.

 

3. Blüte des eigenen Gartens – Marias Frühling in der Seele

Viele Seelen lassen sich freiwillig durch den Überfluss an sinnlichen Eindrücken, die aus der Welt auf sie zukommen, verschlingen. Sie treffen aufgrund von Äußerlichkeiten, von Beiwerk, von Ausschmückung und aufgrund von oberflächlichem Schein von allem eine Einschätzung des Wertes aller Dinge (und ihrer Mitmenschen!). Die Seelen, die von den Menschen am meisten ignoriert und verkannt werden, sind in Gottes Augen oft die heiligsten.

Was die Natur betrifft: Gibt es nicht zu denken, dass Gott den Details und den Schönheiten von Feldblumen ebenso viel Aufmerksamkeit zugewandt hat wie jenen der Zierblumen? Für die Schlichtheit hat Gott eine große Vorliebe, weil es nach Seinem Herzen duftet. Alles, was das Leben kompliziert zu machen droht, ist nicht von Gott beseelt, sondern trägt das Irrlicht der Irreführung in sich.

Das Leben ist voller Komplikationen. Keine einzige davon ist von Gott so gewollt, wohl aber von Seinem Widersacher, und dieser Letztere findet seinem Verlangen prompt entsprochen und bis in die Details ausgewirkt durch seine zahllosen willigen Diener in Menschenfleisch, die glauben, dass die Menschenfurcht einziges Motiv für alles Handeln des Menschen ist: Sie halten es für normal, dass die Seele ihr ganzes Tun und Lassen aufgrund von dem einrichtet, was ihre Mitmenschen von ihr sagen oder denken werden. Also beginnen sie, in ihrem Lebensstil, ihrem Aussehen, ihrer Kleidung, ihrem Haus, ihren vielen Habseligkeiten dem äußeren Schein zu dienen, damit sie hoch geachtet werden. Dies ist nicht der Weg, der Gott gefällt.

Dies sind die Unterrichtungen von Maria, die uns an zwei Evangelienstellen erinnern, um unseren Seelengarten für die wahre Liebe zur Schlichtheit bereit zu machen:

1. „Wie eng ist doch die Pforte und wie schmal der Pfad, der zum Leben führt.” Bedenken wir dabei, dass “das Leben” auf das Ewige Leben im Himmel verweist. Unsere Seele muss sich von allem Ballast befreien können, um selig werden zu können. Sie kann diesen Ballast nur loswerden, indem sie in allem ein unkompliziertes Leben in Einfachheit erstrebt.

Stellen wir uns die Himmelspforte als ein schmales Türchen vor, das für das Format einer Seele passend gemacht worden ist — stellen wir uns die Seele notfalls als ein kleines Lichtchen oder eine kleine Flamme vor —, und stellen wir uns alle weltlichen Einflüsse, Anhänglichkeiten, Erinnerungen, usw. als einen schweren Rucksack vor, den wir auf unserem Lebensweg mit uns schleppen. Wir kommen bei der kleinen Pforte an und merken dort, dass wir den Himmel nicht betreten können, weil unser praller Rucksack nicht durch die schmale Öffnung passt. Es bleibt einem also nichts anderes übrig, als allen weltlichen Ballast wegzuwerfen und nichts anderes übrig zu behalten als eine völlig freie Seele.

Dies ist Schlichtheit: totales Freisein von all dem Weltlichen und nichts anderes übrig zu behalten, als das tiefe Seelenleben mit seiner geradlinigen Kommunikation in beiden Richtungen zwischen der Seele und Gott. Das Wenige, das die Seele vorübergehend an weltlichen Dingen braucht, damit auch der Körper am Leben bleiben kann, wird von der Seele im Stande der Schlichtheit total an Gott (Maria) geweiht, damit es vollkommen gereinigt wird und niemals die wahren Bedürfnisse der Seele überwuchert.

2. „Wenn ihr nicht aufs Neue werdet wie die kleinen Kinder, so werdet ihr sicher nicht in das Himmelreich eingehen.” Die meisten Seelen verlieren in einer bestimmten Phase ihres irdischen Lebens allmählich (manchmal plötzlich) das Wesen des Kindes: das Unkomplizierte, das Einfache, das Geradlinige in allem Denken, Fühlen und Verlangen, und das stille Staunen über das Einfache.

Aus sich selbst heraus sucht das Kind nicht nach auffälligen Dingen, welche die Sinne aufreizen. Es lernt, dies zu tun, dadurch dass die ganze Mentalität seiner Lebensumgebung ihm dies vormacht. So wird das unschuldige Kinderherz mehr mit Fernsehen, Computerspielchen, Musik, die das Feinempfinden der Seele bedroht, auffälligen Reklamebotschaften und anderen verdutzenden sinnlichen Eindrücken gefüllt als mit der sanften Harmonie von Gottes unberührter Natur.

Unsere Seele muss aufs Neue lernen, Wertschätzung zu bekommen für den ursprünglichen Zustand der Dinge, wie Gott sie anfangs beabsichtigt hat, nicht von Intrigen und Irreführungen der Welt beschmutzt, und muss sich von allen Sorgen, aller Grübelei, von der fieberhaften Jagd nach immer mehr und immer neueren Dingen und von den Fallstricken der Menschenfurcht befreien. Leben wir nicht länger unser Leben gemäß dem, was Menschen von uns erwarten, sondern gemäß dem, was Gott von uns erwartet. Nicht die Menschen können die schmale Pforte für uns öffnen, Gott aber wohl.